Beim Auftakt von WELCHE ZUKUNFT?! erarbeiteten internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ca. 250 Teilnehmende gemeinsam ein fiktionales, aber faktengestütztes (Krisen)-Szenario für die nächsten zehn Jahre – in 13 Workshops an einem Tag im ganzen Haus des Deutschen Theaters.

13 Workshops bildeten am 16. September 2017 im Deutschen Theater Berlin den Auftakt der Veranstaltungsreihe. Wir luden Menschen ein, in diesem Experiment gemeinsam mit ExpertInnen internationaler, privater und öffentlicher Forschungsinstitute eine Geschichte der nächsten zehn Jahre zu schreiben, die möglichst plausibel erscheint. Hier verhandelten wir Fakten, Wissen und Modelle, aber auch Ängste, Hoffnungen und Wünsche in den Themen Wirtschaft, Gesellschaft, Klima, Ernährung und Identität. Auf Grundlage von Studien, Forschungsprojekten, Prognosen und Szenarien entwickelten die 250 Teilnehmer gemeinsam mit den ExpertInnen in verschiedenen Workshops ein Zukunftsszenario. Die Ergebnisse wurden anschließend im Plenum zusammengetragen und gebündelt. Das Labor arbeitete einen Tag lang im ganzen Haus des Deutschen Theaters.

Als Ausgangspunkt setzten wir eine fiktive Krise im Jahr 2026, die die Welt in eine Depression stürzen wird. Fragen kamen auf, nach den Verantwortlichen, nach den Prozessen, die stattfinden oder abgewendet werden müssen. So entstand ein Denkraum, in dem wir uns entscheiden können, ob wir diese Zukunft wollen – oder eben doch eine andere. 

TEILNAHME

Die Teilnahme am Labor war kostenlos und für alle offen. Wer am Labor teilnehmen wollte, entschied sich mithilfe unserer Webseite zuvor für einen Workshop und meldete sich online dafür an. Zur Vorbereitung stellten die WorkshopleiterInnen erste Szenarien in ihrem jeweiligen Themenfeld als Vorschläge und Anregungen zur Verfügung. Alles war möglich: Die EU löst sich auf, die AfD stellt den Kanzler, die D-Mark kommt zurück, in China platzt die nächste Immobilienblase, ein neues VR-Spiel hält die Menschen davon ab, zur Arbeit zu erscheinen, ein neues Medikament besiegt den Krebs, die Öl-Industrie rettet das Klima und Daniel Libeskind baut die neue Hauptstadt des vereinigten Korea in der entmilitarisierten Zone ...

 

Die Workshops

Der Verlauf der kommenden zehn Jahre wurde in zwei Workshop-Sessions entwickelt: in der ersten Workshoprunde für die Jahre 2018 bis 2025, also auf dem Weg hin zur Krise. In der zweiten Workshoprunde sollte das Ausmaß der Krise selbst detaillierter beschrieben werden.

 

PLENUM

Zwei Mal trafen sich alle Teilnehmer der Workshops zum Plenum. Moderiert von Ulrike Hermann und Adrian Taylor wurden die Ergebnisse der Workshops zusammengetragen und am Szenarientisch auf einer interaktiven Timeline so lange arrangiert und umarrangiert, bis aus den Fragmenten und Thesen eine plausible Erzählung entstand. Geschichte wurde gemacht … Das lief nicht ohne Reibung ab. Es gab Diskussionen und Debatten darüber, welche Ereignisse als die stärksten Auslöser der weltweiten Krise bewertet werden können und ob sie in ihrem Verlauf überhaupt als plausibel erscheinen.

 

EINWÜRFE

Die Teilnehmer beobachteten das Geschehen von der Tribüne aus und hatten dabei immer die Möglichkeit, selbst zu kommentieren, zu ergänzen, Einspruch zu erheben. Dies konnten sie entweder analog per Handreichung von Notizzetteln tun, oder sie sendeten über Smartphone ihre Einwürfe und Kommentare direkt an die Plenumsredaktion. 

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KRITIKERTISCH

Am Kritikertisch saß Joseph Vogl, Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er begleitete den Labortag kritisch und gab uns eine abschließende Keynote auf den Weg. Joseph Vogl gilt als einer der scharfsinnigsten Analytiker der vorherrschenden ökonomischen Lehre. In seinen letzten Büchern "Das Gespenst des Kapitals" und "Der Souveränitätseffekt" hinterfragt er den Glauben an die unsichtbare Hand des Marktes sowie die Machtstrukturen im gegenwärtigen Finanzregime. Zugleich ist Vogl auch ein Kritiker von 'rhetorischen Schwellkörpern'. Ihm bereitet das Produzieren von Zuspitzungen, Pointen und handlichen Thesen grundsätzlich ein schlechtes Gewissen. 

 Joseph Vogl am Kritikertisch © Eike Walkenhorst

Joseph Vogl am Kritikertisch © Eike Walkenhorst

Ergebnis

Am Ende des langen Labortages waren zahlreiche Ereignisse auf der digitalen Timeline platziert worden, die eine umfangreiche Erzählung der Jahre 2018 bis 2018 entworfen haben. Diese Erzählfragmente dienten Andres Veiel und Jutta Doberstein als Ausgangsbasis für das Theaterstück, das in den folgenden Monaten geschrieben und im September 2018 im Deutschen Theater uraufgeführt wird.

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Doch zuvor sollte die Erzählung des Labors noch einmal genauer befragt werden. Denn es wurde eine Terrororganisation gegründet und die Amerikanischen Sezessionskriege von 2022 vorausgesehen – aber welche Staatsform uns durch diese Krisen führen wird und wie wir für unsere Arbeit bezahlt werden, ja ob wir überhaupt noch arbeiten - dazu gab es keine gemeinsame Vision, nur harte Gegensätze. Damit wollten wir uns natürlich nicht abfinden und haben deshalb ExpertInnen und AktivistInnen und erneut interessierte BürgerInnen eingeladen, um im April 2018, in einem mit dem Humboldt Forum veranstalteten Symposium gemeinsam Modelle zur Zukunft der Arbeit und der Demokratie zu entwerfen. Mit "Der nächste Staat – Rethinking State" geht WELCHE ZUKUNFT?! in die zweite Runde ...

 

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